Nichts, was du tun kannst

Manchmal beginnen Dinge, deren Auswirkung man kaum versteht. Jedenfalls nicht gleich. Weil man woanders hinschaut, weil man etwas sucht und andere Vorstellungen hat. Oder denen folgt, die andere einem vorbeten. Detlef Eigenbrodt schaut zurück und hat sich gefragt, was Evangelium eigentlich für ihn bedeutet. Und wann und auf welchem Weg es in sein Leben kam.

„Es gibt nichts, was du tun kannst, damit Gott dich mehr liebt. Und es gibt nichts, was du tun kannst, dass er dich weniger liebt.“

Das war schon alles ein bisschen merkwürdig damals. Find ich jedenfalls heute. Im Rückblick. Und obwohl das schon mehr als vier Jahrzehnte her ist, kann ich mich ziemlich gut erinnern. Wir waren mit unserem Jugendkreis in die nächste Stadt gefahren, um an einer Evangelisation teilzunehmen. Ja, das waren die Zeiten, in denen man so was gemacht hat. So kam ich mitten im Teeniealter in eine für mich riesengroße Halle; ich lebte auf dem Land und hatte wirklich keine Ahnung.

Komm jetzt nach vorne!

Mehrere hundert Menschen waren da, vorne eine Bühne, ein Mann, der predigte und eine Frau, die sang, das alles zog an mir vorbei wie ein Film, mit dem ich nichts zu tun hatte. Wo, um alles in der Welt, war ich hier nur hingeraten? Ganz ehrlich, ich hatte mir das anders vorgestellt. Ich verstand nicht viel von dem, was da vorne vor sich ging, fühlte mich ausgesprochen unwohl in meiner Haut und wusste nicht, wie ich aus dieser Nummer wieder rauskommen sollte. Immerhin waren wir gut eine Stunde hierhergefahren und ich konnte ja schlecht einfach aufstehen und nach Hause gehen. Also saß ich ziemlich desinteressiert auf meinem Stuhl und wartete, bis die Sache vorüber war. Das konnte aber offensichtlich noch dauern.

„Da, wo ich Glück und Freude und Perspektive und neues Leben spüren sollte, war trister Alltag, blöde Schule und alles beim Alten.“

Doch irgendwann kommt ja alles mal zum Ende, so auch der Prediger, der jetzt ganz offensichtlich zum großen Finale ansetzte. Seine gewaltige Stimme füllte den Raum und machte klar, dass aus all dem, was er den ganzen Abend über gepredigt hatte, nur ein einziger vernünftiger Schluss zu ziehen sei: Wer jetzt sofort Buße tun und Jesus sein Leben anvertrauen wolle, solle nach vorne kommen!

Du kannst dich freuen!

Ehrlich, das hatte ich nicht kommen sehen. Ich war ziemlich überrascht, als ich seine Worte hörte und mir klar wurde, zu was er uns da aufforderte. Noch viel überraschter war ich allerdings, als ich mich plötzlich erhob, ohne, dass ich den Eindruck hatte, mein Körper würde von mir gesteuert. Ich ging nach vorne, schaute nicht links und nicht rechts, ließ für mich beten und mich zu einem Nachgespräch in einen Nebenraum führen. Dort bekam ich allerhand kleine Schriften in die Hand gedrückt und die Information, dass mein Jugendkreis schon mal nach Hause gefahren sei; jemand anders würde mich heimbringen, die Stunde sei kein Problem. Ich sei jetzt ein Kind Gottes und könne mich wirklich freuen! Das mit der Freude war aber so eine Sache, ehrlicherweise hatte ich erst mal richtig Muffensausen. Wie sollte ich denn bitte schön meinen Eltern erklären, warum ich so spät komme und wer der komplett fremde Typ war, der mich über 70 Kilometer durch die Nacht gefahren hatte? Als meine Mutter mir dann die Tür aufmachte erklärte ich auch erst mal gar nichts, sondern fing an zu heulen.

Das hat nicht geklappt

Die Wochen, Monate und Jahre nach diesem einschneidenden Erlebnis meiner Kindheit waren dann aber noch mal ganz anders, als man mir gesagt hatte, dass sie werden würden. Im Grunde hatte sich nämlich gar nichts verändert. Da, wo ich Glück und Freude und Perspektive und neues Leben spüren sollte, war trister Alltag, blöde Schule und alles beim Alten. Kein innerer Aufbruch, kein Kribbeln im Bauch, eigentlich eher das Gefühl, dass die Bekehrung nicht geklappt hat. Und die, die ich fragte, meinten, es sei alles okay. Das wird schon, ich muss einfach warten und dran glauben. Antworten, die mir wirklich nicht halfen. Also entschloss ich mich, auch nicht weiter zu fragen.

Ich lief einfach mit

Heute, eine gefühlte Ewigkeit später, warte und glaube ich immer noch. Allerdings mit einer anderen Haltung und Qualität. Und ich frage mich im Licht des Heute, was da damals eigentlich passiert ist. Da hat jemand das Evangelium gepredigt, aber ich habe es nicht verstanden. Da hat mich etwas aus dem Stuhl gezogen, derzeit völlig unerklärlich, heute weiß ich, wer es war. Da gehörte ich nun plötzlich als Frischbekehrter zu den Christen, aber niemand schien sich groß Gedanken darüber zu machen, was ich zum Wachstum bräuchte. Ich lief einfach mit. Und – das ist sicher keine große Überraschung – ich fiel viel häufiger brachial auf die Nase, als dass ich anständig gelaufen wäre. Jahr um Jahr habe ich gehofft, dass ich bald etwas spüre, bis ich es aufgab und mich einfach wieder treiben ließ. So wie vor dem Abend in der Stadthalle. Nur viel frustrierter und deutlich ernüchtert. Weil etwas, das man mir in Aussicht gestellt hatte, nicht eintraf und weil sich niemand die Mühe machte, es mir zu erklären.

Ob ich noch wollte

So vergingen die Jahre mit ihren Höhen und Tiefen, die Ausbildung forderte mich ziemlich heraus, die Menschen da um mich herum waren nicht so nett zu mir, wie es mir gutgetan hätte. Heute würden wir von Mobbing sprechen, aber das Wort kannten wir damals ja noch gar nicht. Ich war ziemlich allein, manchmal auch sehr einsam, fand aber nicht den Knopf, an dem ich hätte drehen können, um etwas daran zu ändern. Also lief ich einfach weiter. Bis ich den Eindruck hatte, Gott würde sich plötzlich erneut in meinen Alltag zwängen und mich fragen, ob mir diese Entscheidung von damals noch wichtig wäre. Ob das, was ich an dem Abend in der Stadthalle versprochen hatte, noch Bestand hatte. Ob ich noch wollte. Wirklich, dass passierte einfach so, bei einem Spaziergang in einem Park in Frankfurt, wo ich zu der Zeit arbeitete. Keine laute Stimme, kein sichtbares Irgendwas, einfach eine leise Stimme in mir, die mich im Nachdenken über alles Mögliche ansprach und führte. Tatsächlich völlig unvorbereitet.

Ich war sehr gespannt Endlich begriffen

Viel später habe ich mich in einem ganz anderen Zusammenhang mit der Geschichte von den Jüngern beschäftigt, die früh aufgestanden waren und deren Arbeit auf See nicht einen einzigen Fisch in die Netzte gebracht hatte. Nachzulesen in Lukas 5. Als sie dann wohl ziemlich frustriert am Ufer standen und die Netze flickten, kam Jesus daher und hat plötzlich alles auf den Kopf gestellt. Ohne irgendeine Ankündigung. Der tauchte einfach auf, mitten hinein in den Alltag, mitten hinein in den Frust. Und vermutlich auch mitten hinein in eine Situation, in der niemand mit ihm rechnete. Keine Gebetszeit, kein Gottesdienst, nein, einfach Alltag. Als mir klar wurde, dass Jesus sich oft genau so zeigt, wurde mir auch klar: Es hängt weniger von meinem Suchen ab als mehr von der Fähigkeit, ihn zu spüren und zu hören.

„Sollte Gott ruhig noch mal eine Chance bekommen, meine Zukunft zu formen, dachte ich; aber im Grunde war ja ich es, der von ihm noch mal eine bekam.“

Und von meiner Bereitschaft, darauf zu reagieren. Und das tat ich. Ich sagte „Ja“

und stellte ihm meine Lebensplanung neu zur Verfügung. Und ich war sehr gespannt, was er machen würde. Sollte Gott ruhig noch mal eine Chance bekommen, meine Zukunft zu formen, dachte ich; aber im Grunde war ja ich es, der von ihm noch mal eine bekam.

Um was geht es?

Jetzt stehe ich in der sogenannten dritten Lebenshälfte und hab mich über die Jahrzehnte viel und immer wieder gefragt, was Evangelium eigentlich für mich bedeutet. Ist es das, was da abends in der Stadthalle passierte? Das erste Ergriffensein, das erste zaghafte Verstehen, dass da einer ist, der sich für mich und meinen Alltag interessiert? Oder der Moment im Frankfurter Park, als Gott mich an mein Versprechen erinnerte und mir klar machte, dass er noch da ist, auch wenn ich weg war? Geht es um einzelne Momente, um Begegnungen, um Worte?

Wenn es ein Wort ist, dann ist es für mich „Gnade“. Wenn ich ein geistliches Buch mit unglaublichem Gewinn gelesen und verinnerlicht habe, dann „die Zeit der Gnade“ von Charles Swindoll; heute leider nicht mehr erhältlich, es sei denn, man hat antiquarisch Glück; ich würd´ es probieren. Im englischen Original heißt es „Grace awakening“, was mir viel besser gefällt. „Erwachende Gnade“ könnte man übersetzen, oder „aufblühende Gnade“. Ja, Gnade wäre mein Wort. Aber ich glaube, es geht nicht um Worte. Es geht ums unmissverständliche Begreifen einer Wahrheit. Und die habe ich bei einem anderen Autor gelesen. Seine Worte haben mich tatsächlich nicht mehr losgelassen und fassten für mich die Bedeutung von Evangelium endlich und schlicht zusammen. Der anglikanische Theologe James I. Packer schreibt in seinem Buch „Gott erkennen“: „Es gibt nichts, was du tun kannst, damit Gott dich mehr liebt. Und es gibt nichts, was du tun kannst, dass er dich weniger liebt.“ Nichts! Gar nichts, von dem, was ich tue, ändert die Sicht und Haltung und Empfindungen Gottes für mich. Ich habe keinen Einfluss darauf, ich brauche auch gar keinen! Seine Entscheidung steht fest und ist völlig unabhängig und losgelöst davon, was ich damit tue und wie ich darauf reagiere. Selbst wenn ich ihn in all seiner Liebe und Zuwendung ignoriere und abweise und nichts mit ihm zu tun haben will! „Es gibt nichts, was du tun kannst, damit Gott dich mehr liebt. Und es gibt nichts, was du tun kannst, dass er dich weniger liebt.“

Detlef Eigenbrodt

Detlef Eigenbrodt, M. A., Leiter einer eigenen Agentur für Kommunikationsberatung und Redaktionsleiter dieses Magazins, träumt von einem Eigenheim in Südafrika und freut sich bis dahin an den Reisen dorthin und der Schönheit Deutschlands. Der Ehemann, Vater von vier erwachsenen Kindern und dreifacher Opa sitzt gern in der Sonne seines Gartens am Rande des Odenwalds und stellt sich dem Alltag. Denn da lässt Gott sich finden. myjabulani.com